05.06.2010 - Göttingen (ck). Der Kofferraum des großen BMW 740 war überraschend klein. Mit dem Brecheisen hat der serbische Zoll geklärt, warum: Die doppelte Rückbankwand barg einen eingeschweißten Behälter mit 50 Kilogramm Haschisch. Die große Menge Drogen hatte nicht einmal der Rauschgiftspürhund erschnüffelt. Er war abgelenkt durch das ausgekippte Öl eingelegter Artischocken. Er habe, sagte der serbische Grenzbeamte später, noch nie ein so gut gebautes Drogenversteck gesehen. Jetzt muss sich vor dem Göttinger Landgericht der 34 Jahre alte Deutschlibanese Omar O. (Namen geändert) verantworten.
Die Staatsanwaltschaft wirft dem Türsteher vor, Hintermann des Drogenschmuggels zu sein, für den der 29-jährige Hartz-IV-Empfänger Harry H. bereits mehrere Jahre in Serbien im Gefängnis verbracht hat. Als Harry am 30. November 2006 an der bulgarisch-serbischen Grenze erwischt wurde, hatte man ihm nicht geglaubt, dass er keine Ahnung hatte, was er da aus dem Libanon nach Deutschland transportierte.
Fünf Jahre Haft wegen Drogenschmuggels lautete das Urteil. Dreiviertel der Strafe hat er abgesessen; jetzt sagt H. gegen den 34-Jährigen aus, der – oder dessen Familie – ihn ins Messer laufen lassen habe. Von vorn: Ob jemand ein Auto in den Libanon überführen könne, hatte Ende 2006 ein Cousin O.s in der Groner Spielhalle in die Runde gefragt. Harry meldete sich. Für ihn sei die Fahrt ein Abenteuerurlaub gewesen. Mit zwei großen BMW – einer extra auf Harry zugelassen – brachen O. und H. auf.
Ein Wagen wurde in O.s Heimat verkauft, der andere in der Garage der Familie O. geparkt. Doch statt gleich gemeinsam zurückzufahren, habe ihn O. Tag um Tag vertröstet. Der Pass sei abgelaufen. Schließlich fuhr Harry H. allein zurück, passierte unbeanstandet mehrere Grenzen. Nur der Krug mit eingelegten Artischocken sei in den türkischen Bergen umgekippt. Und dann sei da noch die SMS der Freundin gekommen: Die Göttinger Polizei hatte in seiner Abwesenheit die Hanfplantage in seiner Wohnung entdeckt, fast 100 Pflanzen beschlagnahmt. An der serbischen Grenze kam es noch dicker: Der Grenzbeamte ließ sich vom Öl nicht schrecken.
Als er das Brecheisen ansetzte, war H. schon von 15 Beamten mit Kalaschnikow umringt. Seine Strafe hat H. abgesessen. Noch einmal kann er nicht verurteilt werden. Er könnte gestehen, dass er von den Drogen im Kofferraum wusste. Doch er beharrt darauf, ahnungslos gewesen zu sein. O.s Familie habe ihn hereingelegt. Allerdings: Weil der Wagen fast eine Woche in der Garage stand, kann auch ein anderes Familienmitglied das Versteck eingebaut haben. O.s Familie ist groß, sein Bruder ein gesuchter Drogenhändler, wegen dem Omar O. schon einmal vor Gericht stand. Er hatte für den in den Libanon geflohenen Bruder sechs Kilo Heroin aufbewahrt. Mehrere Mittäter waren zu langen Strafen verurteilt worden. O. selbst kam mit zwei Jahren auf Bewährung davon, denn er hatte nicht nur mit Hinweisen geholfen, Drogenringe in Berlin und Dortmund auffliegen zu lassen. Das Gericht glaubte ihm auch, dass er lediglich Haschisch in den Drogenpäckchen vermutete. Sollte O. jetzt aber als Hintermann der Fahrt des Harry H. verurteilt werden, müsste er die zwei Jahre auch absitzen. Der Prozess wird Freitag fortgesetzt.
» Quelle: http://www.goettinger-tageblatt.de
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