15.09.2009 - Göttingen.
Dass der eigene Ortsbrandmeister mehrere Feuerwehrfrauen sexuell genötigt haben soll und dass die Staatsanwaltschaft gegen ihn ermittelt, interessiert bei der Freiwilligen Feuerwehr eigentlich niemanden.
Das wollten als Zeugen vor Gericht geladene Feuerwehrmänner jetzt dem Staatsanwaltschaft und dem Richter weismachen – allerdings ohne Erfolg. Seit Ende August steht der Ortsbrandmeister vor Gericht. Der 55-Jährige soll während eines Übungsdienstes im März 2008 eine damals 20-jährige Feuerwehrfrau von hinten ergriffen und ihr mit der Hand von vorne in die Hose gelangt haben. Nach Bekanntwerden der Vorwürfe meldeten sich zwei weitere Feuerwehrfrauen, die ebenfalls aussagten, betatscht worden zu sein. Vor dem Prozess, versichert der erste Zeuge treuherzig, habe er von der Sache „eigentlich nichts gehört“. Aber auch danach hätten Anzeige und Ermittlungen gegen den Ortsbrandmeister bei der betroffenen Feuerwehr niemanden besonders interessiert. Da sei „nicht groß drüber geredet worden“ – auch über die Vorwürfe der anderen Frauen nicht. Ob derart angeblicher Ahnungslosigkeit schwillt dem Staatsanwalt sichtlich der Kamm: Er werde den Zeugen auf seine Aussagen vereidigen lassen. Die Drohung haucht dem Erinnerungsvermögen des Feuerwehrmannes wenigstens ein bisschen Leben ein: Vielleicht habe er doch „das eine oder andere gehört“, so genau wisse er das aber nicht mehr, hieß es nun.
Vielleicht seien ein paar „Meinungen ausgetauscht“ worden. Unruhe im Publikum Unruhe im Zeugenstand und im gut mit Feuerwehrpersonal besetzten Publikum, als der Staatsanwalt fragt, wann denn intern zuletzt über die Sache gesprochen worden sei, „vielleicht gestern Abend?“. „Woher weiß der das, zum Teufel?“, zischt es aus dem Publikum.
Nach betretenem Schweigen müht sich der Zeuge zum gemurmelten Bekenntnis: „Ja.“ Am Tage zuvor hätte sich die Feuerwehr samt angeklagtem Ortsbrandmeister „zu Kaffee und Kuchen“ getroffen. Worüber da gesprochen wurde, wisse er nicht mehr so genau, sagt der Zeuge, der sich zuvor noch präzise an den Verlauf des Übungsabends vor anderthalb Jahren erinnern konnte. Die Verhandlung sei aber kein Thema gewesen. Auf Druck des Staatsanwalts räumt der 32-Jährige allerdings ein, man habe vielleicht doch über „die Reihenfolge gesprochen, in der wir hier heute auftreten müssen“.
Inhaltliches sei aber nicht besprochen worden. Der Staatsanwalt verdreht die Augen, seine Gesichtsfarbe wechselt leicht ins Rote. Aber auch er kann nicht verhindern, das auch der nächste als Zeuge geladene Feuerwehrmann in das gleiche Horn von Ahnungslosigkeit, Desinteresse und Nichtwissen bläst. Übergriffe des Ortsbrandmeisters auf junge Frauen, Ermittlungen, Strafverfahren: alles herzlich uninteressant. Einzig die Ehefrau des Angeklagten geht auf die Vorwürfe ein: haltlos alles. Einig sind sich die Zeugen auch in ihrer Darlegungen von Sitten und Gebräuchen bei ihrer Feuerwehr. Man kennt sich, ein Küsschen und ein Klaps auf den Po „ist bei uns Standard“, heißt es. Von sexuellem Hintergrund aber keine Spur.
» Quelle: http://www.goettinger-tageblatt.de
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